Mit dem Schreiben wieder anzufangen erweist sich als schwieriger als gedacht. All meine früheren Artikel beschäftigen sich mit den Ereignissen in meinem Leben oder meinen Gefühlen, und das Aufschreiben war therapeutisch, irgendwie. Und manchmal war ich danach sogar ein bisschen stolz, dass ich Schmerz in irgendwas kreatives verwandeln konnte.
Aber ich bin so viel ruhiger geworden über die letzten zwei Jahre. Seit meiner letzten Trennung sind in meinem Leben einfach keine „spektakulären“ Katastrophen mehr passiert. Vielleicht kann man das als Fortschritt werten. Und was die Gefühle angeht… entweder bin ich innerlich durch all die Medikamente so taub geworden, oder mein bisheriges Leben hat mich emotional so ausgelaugt, aber manchmal denke ich, dass ich eigentlich nur noch eins möchte: Ruhe und Frieden. Ich gehe auch kaum noch aus. Meine alten Themen spielen kaum noch eine Rolle; es fällt es mir einfach schwer Stoff zum Schreiben zu finden, weil mein Leben so langweilig geworden ist. Ich bin langweilig geworden.
Ich kann einfach nicht mehr so unter Menschen sein, wie früher. Kommunikation war noch nie meine Stärke, dafür war ich umso besser im Reden. Manch einer hat mir gesagt, er hielte es für meine größte Stärke, wie ich mich präsentieren könnte. Vielleicht konnte ich das auch gut, zumindest wenn das Diktat meiner schwankenden Stimmungen es zuließ. Allein eine Runde unterhalten, witzig, charmant und kokett sein und das alles und mir selbst dabei auch noch irgendwie cool vorkommen; vielleicht hatte ich das wirklich mal drauf.
Ich hab einmal gelesen, dass es im Leben von Borderline-Persönlichkeiten so etwas wie eine Lernphase gibt, in der sie alle Menschen und Situationen sehr genau beobachten, sie einzuschätzen lernen und dabei Muster und Zusammenhänge in menschlichen Interaktionen erkennen und sich Sortimente von Verhaltensweisen aneignen, die im Umgang mit verschiedensten Personen zu allen möglichen Anlässen einfach „funktionieren“. Man könnte vielleicht auch sagen, Verhaltensweisen, die sich als dienlich erwiesen haben um beim Gegenüber eine gewünschte Reaktion hervorzurufen. Das klingt nach Manipulation; ist es vielleicht auch. Aber wahrscheinlich ist es zu einer gewissen Zeit im Leben der Borderline-Persönlichkeit einmal nötig gewesen, sehr genau zu wissen, was man wann und wie sagen oder tun muss, um jemanden für sich einzunehmen, und zwar einfach um zu überleben oder etwas auszuhalten.
Es heißt solche Persönlichkeiten hätten daher das einzigartige „Talent“, wenn sie wollen, bei den unterschiedlichsten Leuten, vom obdachlosen Punk bis zum Top-Manager, Sympathie zu erzeugen.
Wie dem auch sei, ich krieg es nicht mehr hin. Ich denke, zum Teil hatte ich wirklich einfach so meine Phrasen und quasi einstudierten Abläufe, mit denen ich es immer wieder geschafft habe, bei Leuten anzukommen. Nur irgendwie hat es angefangen mich so anzuätzen, mich selbst immer wieder mehr oder weniger das Gleiche sagen zu hören. Da meine Freundschaften und Beziehungen ja meist nicht sehr lange gehalten haben, stand ich immer wieder mit leeren Händen da, musste neue Beziehungen eingehen und dann wieder von vorn, und wieder und wieder… und so war ich die meiste Zeit gefangen in einer nie endenden Smalltalkphase. Es hat mich immer hinausgetrieben, weil ich das Alleinsein nicht ausgehalten habe. Dann war ich unter Leuten, aber die Einsamkeit war immer noch da. Das hat mich in den Wahnsinn getrieben.
In den letzte zwei Jahren ist so viel passiert. Über das gesamte Erste hinweg hatte ich meine bisher längste und auch engste Liebesbeziehung. Ich fühlte zu dieser Frau eine Verbindung, wie zu keinem Menschen sonst. Es war wirklich etwas besonderes… die Liebe meines Lebens. Und ich gehöre nicht zu den Leuten, die das jedes Mal aufs neue sagen, wenn sie sich verlieben.
Wir haben zusammen gewohnt und die Beziehung hat meinem Leben sehr viel mehr Stabilität gegeben. Nach dem sehr ungebührlichen Ende unserer Verbindung, Anfang dieses Jahres, von dem ich längere Zeit ernsthaft dachte, ich würde es nicht überleben, bin ich ausgezogen. Somit wohne ich jetzt schon fast ein Jahr ganz für mich allein, was schwierig war, zu Beginn, sehr schwierig. Aber mittlerweile komme ich mit dem Alleinsein überraschend gut klar. Manchmal überkommt es mich noch, und ich tue Dinge, die ich danach bereue, aber dieses unwiderstehliche Gefühl, rausgehen zu müssen und bereit zu sein alles, alles zu tun, um sich anders zu fühlen, einfach anders, nur nicht so, wie man es gerade tut, weil es einen sonst umbringt; dieses Gefühl ist im Vergleich zu früher sehr selten geworden. Man könnte fast sagen, ich bin „bürgerlich“ oder „handzahm“ geworden oder sowas…
Ich versuche, das alles als Zeichen zu deuten, dass ich Fortschritte gemacht, irgendeinen „Reifungsprozess“ durchlaufen habe, ausgeglichener, geworden bin und der Umgang mit mir einfacher. Zumindest sagt man mir, ich würde den Eindruck machen, es wäre so. Eigentlich ist das wunderbar, oder nicht?
Ja, ich denke das ist es wirklich. Dennoch wird jemand wie ich nicht über Nacht zum Vorzeigebürger und wenn von mir noch irgendwas übrig ist, dann muss es ja zum Schluss noch irgendwas geben, worüber ich mich beschweren kann. Ich meine, ruhiger werden, sich nicht mehr schneiden, (fast) keine selbstzerstörerischen Eskapaden mehr… das ist eine Sache. Wenn die Schattenseite von alldem jedoch ist, dass ich mich an den meisten Tagen einfach hirntot fühle, meine Kreativität anscheinend aufgebraucht, meine Spontanität und mein Tatendrang (sprich meine „Impulsivität“) wegmedikamentiert sind, ich mir zunehmend oft nur noch „Ruhe und Frieden“ wünsche (schon der Gedanke hätte mich früher total angewidert), mir eigentlich nichts mehr einfällt, was ich wirklich unbedingt will, was mich antreibt und meine Leidenschaft anfacht, mich vor Aufregung zittern, mich Begierde in jeder Faser spüren lässt und all diese anderen Gefühle, die einmal so total waren, von denen ich dachte, sie seine das einzig wirklich wertvolle auf der Welt, eben einfach irgendetwas unabdingbar wichtiges in meinem Leben, so etwas von dem ich dachte, dass es jeder Mensch braucht… sollte ich dann tottraurig sein oder eher glücklich; weil das Streben ein Ende hat und ich wie Faust mit einem seligen Lächeln meine Seele hergeben kann?
Es ist nicht so, dass ich jetzt plötzlich anfange zu lamentieren, wie doch früher alles besser war, denn das wars nicht; es war schrecklich, für einen zu großen Teil der Zeit, trotzdem war nicht alles schlecht. Es gibt viele Dinge, die Erinnerung an welche ich nicht missen möchte. Und ich glaube immer noch, dass ich so manche von diesen nicht erlebt hätte, wenn ich nicht so gewesen wäre, wie ich war.
Als der Zombie, zu dem ich geworden bin vermisse ich eben nur manchmal das Feuer, das ich einmal hatte, zumindest in meiner Erinnerung. Vielleicht wars nicht immer nur mein Geschick im Lesen von Menschen, das sie dazu gebracht hat mich zu mögen. Es klingt schön zu sagen, dass es vielleicht dieses Feuer in meinen jetzt so ausdruckslosen Augen war, das sie irgendwie angesteckt hat, eben dieser Funke, den ich manchmal auch sehe, wenn ich mein älteres Geschreibsel mit dem neueren vergleiche.
(Was sich allerdings dann wohl doch eher noch verschlimmert zu haben scheint ist die Neigung, meine Leser mit übertriebenem Pathos, unerträglicher Rührseligkeit und abartig sentimentalen Bildern zu quälen.)
