Ich denke ich bin mal wieder einen längeren Artikel schuldig. Das klingt, als würde ich das hier nicht freiwillig machen, es ist nur so, dass ich alles immer möglichst gut machen will und dann wird es leicht anstrengend…
Da ist dieser Satz in Prozac Nation von Elizabeth Wurtzel… „All I ever wanted was to be good.“ Es klingt wahnsinnig blöd, aber ich habe mal ernsthaft versucht, das erste Kapitel dieses Buches auswendig zu lernen, einfach damit mir nie wieder die Worte fehlen wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, oder wie es sich anfühlt… auseinander zu fallen. Ich fand, dieses Buch trifft es einfach perfekt, Wort für Wort. Ich hab die Idee aber verworfen, vor allem deshalb, weil ich nur die englische Ausgabe hatte und irgendjemanden mit diesem Monolog auch noch auf Englisch zu überrollen hätte die Sache einen Tick zu theatralisch gemacht. Sogar für mich.
Aber es stimmt, ich wollte immer ‚gut‘ sein… das ist wahrscheinlich der Grund warum ich nicht weiß, was ich sagen soll, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht. Und ich meine jetzt nicht das rhetorische „Alles OK?“… selbst wenn mich mein (neuer, wieder mal) Psychiater reinruft setze ich vorher ein Lächeln auf. Und deshalb bin ich selbst schuld, dass ich niemals adäquate Behandlung bekommen werde, denn alles was Ärzte oder Therapeuten tun, wenn man sagt, es gehe einem gut, oder es gehe einem OK, oder selbst wenn man vorsichtig bemerkt, man hätte einen schlechten Tag… was sie tun ist, sie freuen sich über einen weiteren glücklichen Patienten, schütteln einem die Hand und sagen man soll in 4 Wochen wieder kommen.
Und dabei ist dieser Typ zurzeit wahrscheinlich der einzige Mensch, bei dem ich mich nicht zurückhalten sollte. Ich sollte ihn überschütten. Ich sollte ihm unmissverständlich sagen, dass es nicht mehr Ok ist, dass ich dieses Leben so nicht mehr will, dass ich emotional kaputt bin, und mir wünsche wenigstens innerlich tot zu sein, damit ich einfach als Leblose Hülle, der es egal ist, dass die Welt die Hölle ist, mein Leben zu Ende leben kann, ohne weiterhin fühlen zu müssen. Ich sollte in Tränen ausbrechen und es ihm so lange erklären, bis er es versteht.
Denn bevor man nicht mit einem abgerissenen Strick um den Hals reinkommt kapieren sie’s nicht.
Vielleicht wirke ich mittlerweile auch zu zahm, weil Selbstmord keine Option mehr ist. Nicht solange einige meiner engsten Verwandten noch leben. Diese Erkenntnis hat sich mir eingebrannt, als ich in die Psychiatrie eingewiesen wurde und gesehen habe, was das schon mit ihnen gemacht hat. Es ist verdammt hart, wenn lange gehütete Kartenhäuser des Schweigens zum Einsturz gebracht werden. Zumindest jetzt empfinde ich so. Vielleicht lässt es nach, wenn die Erfahrung verblasst, aber bis dahin brauchen die Leute die gehofft haben, ich würde mir irgendwann vor laufender Web-Cam den Rest geben, erstmal nicht mehr mitlesen.
Es kommt mir einfach nicht über die Lippen, wie so vieles Andere. Ich bin eine Niete, was Kommunikation angeht, ich ersticke an den Worten, die ich sagen müsste, um meine Beziehungen zu retten, meine Bekannten/Freunde zu behalten, um überhaupt irgendjemanden so nahe heranzulassen, dass sich eine Beziehung, egal ob intim oder freundschaftlich, ‚echt‘ anfühlen könnte. Der wahre Grund, warum ich allein bin, bin ich.
Eine weitere Lektion in Sachen Selbstsabotage gefällig? Ok, ich werde demnächst wieder in Therapie sein. Das ging so plötzlich, weil ich herausgefunden habe, dass die Uni tatsächlich eine Beratungsstelle hat, die richtige Psychotherapie anbietet. Da gibt es eine offene Sprechstunde, die quasi als Vorgespräch zu einer längeren Therapie dient, sollte es als dienlich befunden werden. Das lustige ist, dass es mir an diesem Tag nicht besonders gut ging, ich mir eine Lorazepam eingeworfen habe, und dann in eine dieser galgenhumorigen Stimmungen geraten bin. Ich hab mich also relativ schick gemacht und gehofft, ich würde an eine TherapeutIN geraten (ist das chauvinistisch?). Dazu muss man sagen, dass es Tage gibt, an denen ich mich selbst für übermäßig gut aussehend halte, zumindest wenn ich mich aufraffen kann mir die Haare zu waschen.
Nach einer Ewigkeit im Wartezimmer, das mit Sesseln ausgestattet war, die bequem sein sollen, in denen man aber so tief einsinkt, dass man mit dem Kopf auf den Knien liegt (das muss die 70er Jahre Vorstellung von bequem gewesen sein), wurden meine Hoffnungen in unerwartetem Maß erfüllt – eine Therapeutin schüttelte mir die Hand. Aber was noch viel besser war, und womit ich nicht in meinen Therapie-(Alp)träumen gerechnet hätte – sie fragte mich gleich, ob ich wohl etwas dagegen hätte, wenn eine Psychologiestudentin mit anwesend wäre. Meine Antwort ist klar – NEIN. Ich wurde in den Therapie-Raum geführt und fand besagte Studentin als sehr hübsch und ausgesprochen Sympathisch vor. Um dem Impuls zu wiederstehen, mich rückwärts aus dem Fenster fallen zu lassen, setzte ich mich.
Auf jeden Fall kann man sich wohl vorstellen, wie dieses ‚Vorgespräch‘ abgelaufen ist. Ich – so kokett, witzig, charmant wie ich nur sein kann – Die Frage nach der Krankengeschichte – meine Antwort: in Behandlung wegen ‚Borderline‘ – Sitzung gelaufen.
Was ich noch mitbekomme, als ich rausrenne, um mich vor ein Auto zu werfen: ich soll in drei Wochen zu meiner ersten regulären Sitzung kommen; die Studentin fragt, ob sie wieder dabei sein dürfe; ich sage Ja.
Die Frage, die bleibt: wie kann man nur so blöd sein?
Diese Therapie war schon zum scheitern verurteilt, als ich meine Wohnung verlassen habe. Und dann bediene ich im Gespräch jedes erdenkliche Klischee, das über Menschen wie mich existiert, sage auch noch meine Diagnose und alles woran ich dabei denke, ist wie ich mich möglichst interessant und sympathisch präsentiere, nur weil mir da eine Frau gegenüber sitz, von der ich insgeheim hoffe, dass sie mit mir ausgehen und sich in mich verlieben wird. Egal, wie eloquent ich es ausdrücke, so einfach laufen meine innersten Antriebsmechanismen ab.
Aber ich denke, interessant zu wirken war nicht schwer, denn die Wahrheit ist doch, die unbedarfte Öffentlichkeit liebt Borderline-Persönlichkeiten. Auf unerfahrene Therapeuten trifft das wahrscheinlich auch zu. Jeder Träumt davon, mal etwas extremes oder übertriebenes oder unangebrachtes zu tun – und wir tun es. Mit uns wird es nie langweilig, wir geben interessante Geschichten her, es ist ein Leben voller Schlagzeilen. Wir sind jung und klug und hübsch, müssen wir ja sein, sonst würden wir es nicht schaffen so schwierig zu sein und trotzdem, wenn uns danach ist, die Nähe zu bekommen, ohne die wir ja eingehen.
Alle wollen uns – solange sie nur nicht mit uns leben müssen. Von außen betrachtet mögen wir manchmal wie die Rockstars des Alltags wirken, aber eine oberflächliche Betrachtung zeigt nicht, was alles auf der Strecke bleibt. Man muss hinter die Klischees sehen, dann offenbart sich das Nachspiel, die Konsequenzen, wie wir verzweifelt versuchen eine Ausbildung oder einen Job zu behalten, und wie so viele dabei scheitern. Wenn man mit uns leben muss, sieht man, wo diese Krankheit hinführt – in Kliniken und Psychiatrien, in Studienabbrecherquoten und unterbezahlte, trostlose Tätigkeiten, in die Abhängigkeit von Sozialhilfe und Frührenten, zur Verschwendung jedweden eventuell einmal vorhandenen gewesenen Potentials, in die totale Vereinsamung und vielleicht in ein frühes Grab. Mit Anderen Worten: zum Scheitern von gesamten Existenzen. Daran ist nichts hübsch. Es ist eine Krankheit, die starke persönliche Einschränkungen mit sich bringt, und es sehr schwer oder fast unmöglich macht ein erfolgreiches, befriedigendes Leben zu führen.
Jeder wünscht sich, mal über die Stränge zu schlagen. Aber wenn man nicht damit aufhören kann, wird es lästig.
Die Wahrheit ist, ich weiß nicht, wie ich so weiterhin leben soll. Ich glaube, ein paar gute Monate gehabt zu haben, macht die Sache gerade so schrecklich. Es ist der Beweis für mich und alle Anderen, dass ich doch niemals frei sein werde. Mein Umfeld war dabei, sich daran zu gewöhnen, dass das Leben mit mir leichter geworden ist, und ich war es auch. Und jetzt zu sehen, dass das alles nur ein Aufschub war, wirkt wie ein grausamer Trick, es macht mich so abstoßend. Und die Wahrheit ist – ich fühle mich einsamer denn je. Ich kann mir selbst weniger in die Augen sehen denn je. Ich sehe nur noch einen elenden, selbstmitleidigen Versager. Und es ekelt mich.