Fallen leaves in the night

16 06 2008

Ich hatte am Wochenende eine interessante Nacht.

Ich war in der Stadt mit zwei Freunden verabredet und um zu unserem Treffpunkt zu gelangen lag eine Bus-und U-Bahnreise vor mir. Als ich an der ersten Haltestelle wartete, sprach mich ein arabisch aussehender Mann an. Er konnte so gut wie kein deutsch und fast kein Englisch. Aber ich verstand, dass wir das gleiche Ziel hatten. Als der Bus kam versuchte ich ihm mitzuteilen, dass es der richtige war und so stieg er mit mir ein. Er diskutierte eine Weile mit dem Busfahrer, doch es war klar, dass der ihm den Weg nicht verständlich erklären konnte.

Als wir die Haltestelle an der U-Bahnstation erreichten, bedeutete ich dem Mann auch auszusteigen und mir zu folgen. Er wiederholte dabei immer wieder seinen Zielort, wahrscheinlich war er unsicher, ob ich überhaupt verstanden hatte wohin er wollte, oder ob er mir vertrauen konnte. In der U-Bahn saßen wir uns gegenüber und ich versuchte, irgendeine Art von Konversation zu machen. Ich erfuhr, dass er Iraner war. Die meiste Zeit nickten wir uns zu und lächelten höflich.

Als wir am Bahnhof ankamen hatte ich mein Ziel erreicht, doch er machte mir klar, dass seines in weiterer Ferne lag. Er zeigte mir eine Fahrkarte und deutete auf den Namen des Abfahrtbahnhofes; irgendein Ort den ich nicht kannte, aber wohl nicht in der Nähe. Wir gingen zu einem Fahrkartenautomaten, wie ich ihn selbst zum ersten mal sah, mit einem Touchscreen auf dem man den Namen des Zielortes eingeben konnte. Ich erledigte das für ihn, suchte aus den Geldscheinen, die er hervorholte den passenden heraus und präsentierte ihm das Ticket, das ihn bringen würde wohin er wollte, vielleicht hatte er dort Verwandte, Familie, keine Ahnung.

Ich begleitete ihn noch zum richtigen Gleiß und fragte den dortigen Schaffner ob es auch wirklich das richtige sei, denn ich gehöre zu den Leuten, die denken sie sind richtig und dann nach fünf Minuten Fahrt merken, dass sei im falschen Zug/Bus/U-Bahn sitzen. Deswegen wollte ich ganz sicher gehen, dass wir uns diesmal am richtigen der unzähligen Gleiße des gigantischen Bahnhofs befanden.

Ich versuchte ihm zu sagen, dass er hier warten müsse, und dass sein Zug bald eintreffen würde. Als er mir auf die Schulter klopfte, wir uns sogar umarmten, wusste ich, dass er verstanden hatte. Dann ging ich die Treppen hinunter um meine Freunde zu treffen, und er war weg. Ich hoffe, dass er sein Ziel erreicht hat.

Später erzählte ich meinen Freunden (oder besser Bekannten) eine Kurzfassung der Geschichte. Sie lachten und sahen mich herablassend an, als würden sie dies für eine weitere lächerliche Episode unter all den Peinlichkeiten halten, die sie schon mit mir erleben mussten.

Nachdem wir nicht in den Club kamen, in den sie wollten, weil das Eintrittsalter an Samstagen offenbar 21 betrug, war die Nacht für die beiden so ziemlich gelaufen. Gegen ein Uhr winkten sie mir aus dem Bus zu, der sie nach Hause brachte. Aber ich blieb. Ich weiß nicht ob die Leute, mit denen ich mich umgebe, einfach zu verpennt und träge sind, oder ob ich einfach zu schlaflos bin, als dass sie mit mir mithalten könnten. Auf jeden Fall wollte ich bleiben. In der Stadt, wo die Lichter niemals ausgehen, fühlte ich mich wohler als in dem Vorort, in dem um Mitternacht die Ampeln abgeschaltet werden.

Das Problem mit Leuten die man schon länger kennt ist, dass man mit ihnen kaum neue Wege gehen kann, zumindest nicht mit denen die ich kenne. Es sind immer die selben Clubs, die selben Bars. Meine Bekannten finden es unpassend, auf der Straße Leute anzusprechen. Aber nachdem sie weg waren hab ich auf die Art zumindest eine wirklich nette Bar entdeckt, in einer Kellerdisco mit ein paar Studenten einen drauf gemacht, Nummern ausgetauscht, zu Musik getanzt, die so alternativ war, dass mir keine Beschreibung einfällt. Hätte ich in dem Club, in den wir eigentlich vorhatten zu gehen so getanzt, wäre ich wahrscheinlich rausgeworfen worden. Dieser Keller war nicht durchgestylt und kühl, er war auch nicht groß, aber er war offen.

Als es anfing Tag zu werden begleitete ich noch ein irisch-stämmiges Pärchen nachhause. Dabei taten wir so als könnten wir kein deutsch.

Gegen 6 Uhr saß ich in einem kleinen Restaurant, das mir jemand empfohlen hatte. Dort wurde Frühstück serviert für die Schichtarbeiter, die Barkeeper und die Schlaflosen. Ich hätte nie gedacht, dass es einen Laden gibt der um die Zeit geöffnet hat. Es war sehr voll, aber man setzte sich dort einfach irgendwo dazu. So unterhielt ich mich mit einer Frau, etwa so alt wie meine Mutter, über Rockfestivals, während am Nebentisch einige Transvestiten unter Gelächter ihre Pommes Rotweiß aßen.

Dann machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof, um gegen 7:50 einen Zug nachhause zu erwischen. Unterwegs gabelte ich einen sehr betrunkenen Mann auf, der im Eingang einer Disco lag, die schon seit einiger Zeit geschlossen haben musste. Als ich ihn fragte ob alles in Ordnung sei kam er zu sich und schüttelte den Kopf. Ich wusste nicht genau was ich tun sollte. Auf jeden Fall wollte er keinen Krankenwagen. Stattdessen bat er mich, ihn in ein Taxi zu setzen. All das artikulierte er allein durch Nicken und Kopfschütteln. Er sprach die ganze Zeit kein Wort, weder als er sich auf meine Schulter stützte und wir im Zickzackkurs die Straße hinab torkelten, noch als der Fahrer des Taxis, das ich anhielt ihn fragte, wohin er wollte. Aber wir erfuhren seine Adresse schließlich, als er uns seinen Personalausweis zeigte. Als das Taxi um die Ecke bog kam ich mir vor wie der Retter der verlorenen Seelen. Er war immerhin schon der Zweite, dem ich in dieser Nacht geholfen hatte irgendwohin zu kommen. Ich hab es getan weil ich weiß wie es sich anfühlt allein und verlassen zu sein und sich sehnlich zu wünschen irgendjemand würde kommen und einen nach Hause bringen.