Ich hatte nie ein besonders großes Vertrauen in Ärzte. Die meisten, denen ich bisher begegnet bin, waren einfach nur aufgeblasene Idioten, die keine andere Meinung, als die eigene zuließen und glaubten, sie wüssten mehr über einen, als man selbst.
Ein perfektes Beispiel für so jemanden war mein erster Psychiater. Der war so verdammt professionell, dass ich es in all der Zeit nicht geschafft hatte, ihm ein einziges Lächeln zu entlocken. Ich will nicht sagen, dass man Patch Adams sein muss, um ein guter Arzt zu sein. Aber wie soll man als PSYCHIATER die Gefühle anderer Menschen verstehen, wenn man die eigenen schon nicht zulässt? Auf jeden Fall war der Ärger zwischen uns vorprogrammiert.
Mit 13 war ich das erste mal bei ihm. Ich denke ich war damals schon relativ schwierig und die Schule hat mich kein bisschen interessiert. Ich hab Streit mit meinen Mitschülern gesucht, keine Hausaufgaben gemacht und war total unangepasst. Alles deutete in die Richtung ADHS. Jeder war diesbezüglich voreingenommen, deshalb wurde ich auch zu diesem speziellen Arzt geschickt, weil er sich damit brüstete ein Speziallist auf diesem Gebiet zu sein. Nach der dritten Sitzung hatte ich folglich die Vorgesehene Diagnose und ein Rezept für Ritalin in der Tasche.
Ich möchte noch anmerken, dass ich keinesfalls zu den Leuten gehöre, die behaupten, ADHS sei keine zulässige Diagnose und Ritalin werde zu leichtfertig verschrieben und die Pharmaindustrie spiele mit der Gesundheit der Kinder und blah blah. Das ist meiner Meinung nach Scientology Gerede.
Damals habe ich mir nicht so viel aus der ganzen Sache gemacht. Es hat mir gefallen, dass ich mit den Medikamenten im Nachmittagsunterricht mit aufgerissenen Augen einen Film über das Paarungsverhalten der Flunder verfolgen konnte, während um mich herum schon alle wegdämmerten.
Doch irgendwann, als meine wahren Probleme immer differenzierter wurden und ich begann den Boden unter den Füßen zu verlieren, wurde klar, dass Ritalin die Sprünge in meiner Schüssel nicht kleben konnte. Mein Psychiater bekam davon nichts mit, weil alles was er tat war, meiner Mutter alle zwei Monate ein neues Rezept für mich auszustellen.
Nach der Trennung von meiner ersten richtigen Freundin war ich ein Wrack. Ich lag nachts wach und hatte das Gefühl einen Herzinfarkt zu haben. So tauchte ich eines Morgens, ohne Termin und ohne das Wissen meiner Mutter bei meinem Psychiater auf. Ich war zittrig und befürchtete wirklich, jeden Moment den Verstand zu verlieren. Gnädigerweise wurde ich vorgelassen, und erklärte ihm alle Details meiner Situation.
Er sagte darauf in etwa: „Das ist ganz eindeutig eine Nebenwirkung des Ritalins. Setze es sofort ab.“
Und ich: „Jetzt plötzlich, nach so langer Zeit? Ich fühle mich schon seit Monaten schlecht und nehme sowieso nur noch die halbe Dosis.“
„Wenn du es weiter nimmst, könnte das eine Psychose auslösen, und dann hast du wirklich Probleme.“
„Ok ok, ich setze es ab. Und was tun wir jetzt?“
„Warten, und dann wird es bald besser werden.“
„Aber ich weis nicht, wie ich morgen die Schule überstehen soll.“
„Da kann ich nichts machen.“
„Sie sind Arzt, gibt es nicht irgendetwas, was man da verschreibt?“
Ich glaube mit der Frage landete ich endgültig in seiner Kategorie „Drogensüchtige, die ihn mit erfundenen Geschichten dazu bringen wollen, Beruhigungsmittelrezepte rauszurücken.“
Natürlich wollte ich, dass er ein Beruhigungsmittelrezept rausrückt, aber konnte er nicht sehen, dass ich am Ende war? Er bot ein, mich einzuweisen. Ich saß eine Weile da, weil ich nicht wusste, was ich tun oder sagen sollte. Genervt schob er mich schließlich aus dem Zimmer und sagte er rufe meine Mutter an, ich solle im Wartezimmer warten. Ich sagte nichts.
Also ja, es kann verdammt schwierig sein adäquate Behandlung zu kriegen. Es kann sogar verletzend und deprimierend sein, wenn man genau weis, dass das Gegenüber keine Ahnung hat wovon man redet. Aber es gibt auch den Kieseln auch Diamanten. Und die Suche lohnt sich, auch wenn sie lange dauert. Ich habe jetzt eine Psychiaterin gefunden, die sich wirklich auf mich einlässt, meine Vorschläge anhört und sich bemüht. Darüber bin ich sehr froh.