Phantomschmerzen

21 08 2008

Wow, mit meinem Blog geht es ja wirklich bergab.

Letzte Nacht war ich zu einem geselligen kleinen sozialen Happening bei einem Freund zuhause eingeladen. Er ist einer der Freunde, von denen ich nicht einmal eine Telefonnummer habe. Hauptsächlich aber hat mein Kopf die ganze Nacht versucht, mich fertigzumachen. Zuerst war es nur ein diffuses Gefühl, unter den Anderen fremd zu sein. Dann hat es sich in das Verlangen gesteigert, von den Augen einer meiner Bekannten aufgesogen zu werden, damit ich nicht weiterhin in einem Raum voller Menschen in Einsamkeit zu Tode frieren müsste.

Während ich dabei war, mich in den Gyri und Fissurae meines Gehirns zu verirren, saß da wieder dieser geniale Schauspieler und Lügner, denn unter Menschen bin ich nicht viel mehr, als ein Schauspieler, der einem ausgeklügelten Drehbuch folgt, das seit dem Kindergarten zu einem abgegriffenen Sammelsurium der Eitelkeiten angewachsen ist, und zu jedem Impuls eine getestete und als funktionierend befundene Reaktion bereithält. Es ist voller Aufkleber und farbiger Reiter, sodass ich zu jedem gesagten Wort auf einer bestimmten Seite eine schale Retour finde. Und so wird jeder Abend unter Menschen zu einer abgekarteten Farce. Ohne überlegen zu müssen, spule ich mein Programm ab. Dadurch bleibt mir jede Menge Zeit, mich zu fragen, was ich da eigentlich mache, und wie sehr ich mich hassen muss, um mir das immer wieder aufs Neue anzutun.

Aber der wahre Alptraum beginnt erst, wenn das Licht ausgeht.

Als Beweis dafür, dass mein einstudiertes Anbiederungsprogramm noch immer funktioniert, wurde ich gefragt, ob ich nicht über Nacht bleiben wolle.

Vorgang in meiner durchschaubaren Emotionsmaschinerie:

Eingabe: Gelegenheit dem gefürchteten allein-zu-Hause sein zu entgehen.

Ausgabe: Gelegenheit ergreifen, koste es, was es wolle.

Kurze Zeit später liege ich in einem Gästebett. So müde bin ich noch gar nicht, ist ja erst zwei Uhr. Glücklicherweise habe ich meinen hoch verdienten Lebensretter dabei, meinen mp3-Player. Nachdem ich mich ausreichend mit herzzerfetzenden Balladen, mit denen ich mich ja so gut identifizieren kann, eingelullt habe, entschließe ich mich, zu schlafen. Ich bin bei Freunden, liege in einem warmen Bett, alles ist gut. Ich drehe mich einige Male, mache es mir bequem – doch dann fliegen meine Augen auf, und es sind gerade einmal zwei Minuten vergangen. Plötzlich bin ich wieder hellwach. In nystagmischem Stakkato zittern meine Augen durch die Dunkelheit, auf der Suche nach etwas interessantem. Schluss jetzt, denke ich, und versuche sie gewaltsam zu schließen. Da fällt mir auf, dass ich eigentlich gar keinen mp3-Player gebraucht hätte, denn vor dem Hintergrund der kleinstädtischen Stille bemerke ich, dass sich in meinem Kopf eine kaputte Schallplatte zu befinden scheint, die immer und immer wieder die eine oder andere Zeile aus diesem oder jenem Song wiederholt. Zuerst dezent, doch dann schälen sich die rationalitätsfressenden Gedankenmuster deutlich hervor.

Und da beschleicht mich wieder diese Angst vor meiner ganz persönlichen Hölle: Bin ich verrückt? Verliere ich den Verstand? Werde ich bald anfangen, Stimmen zu hören, die über mich lachen und mir befehlen, Leute umzubringen? Werde ich bald auf einer Sackkarre festgeschnürt durch die Gegend gefahren werden, wie Hannibal Lecter? OK, ganz ruhig, erst mal das Licht anmachen, dann ist alles nur noch halb so schlimm. Irrtum, ich zittere. Zählen, die Zigaretten, die ich in dieser Nacht geraucht habe, die Fibonacci-Folge fortführen – es hilft nichts. Mein eigener Kopf hört einfach nicht auf, mich in den Wahnsinn treiben zu wollen. Irgendwann in diesem fiebrigen Kopfkino, das nur Horrorfilme im Angebot hat, habe ich mein Notizbuch aus meinem Rucksack gekramt und angefangen, zu schreiben, irgendetwas, um meine Fantasie zu beschäftigen. Hier ein Auszug (Auf Englisch, in dem Versuch, mich zu etwas mehr Konzentration zu zwingen):

It’s three o’clock in the morning. I’m staying at a friend’s place. I just can’t sleep and I’m scaring myself to death again. I’ve tried listening to music for hours in order to calm myself down – it’s not working. So now I’m trying to write; I just need to do something to keep my mind busy. Tonight I saw the milky way. A billion stars shining for me, shining with me. Yesterday I was all shiny and happy and loaded with energy. Now I feel as if my brain were trying to kill me. And it’s doing a good job. I thought I might just go for a walk. I really need to calm down. On the other hand – my eyes are burning. They’re craving for sleep, plus I’ve got my contacts in. I must be in a nightmare. But it’s going to be ok…

Etc.

Die Bilanz dieser Nacht: Etwa eineinhalb Stunden Schlaf und ich habe mich gegen Sieben, als ich der Meinung war, jetzt würden auch in diesem Kaff endlich die Busse wieder fahren, aus dem Haus meiner Gastgeber geschlichen, ohne mich zu verabschieden.

Warum arbeitet mein Kopf ununterbrochen gegen mich?


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