Heute geht es mir absolut beschissen. Letzte Nacht war wieder eine dieser Nächte, nach denen ich mir immer denke, ich werde nie wieder einen Fus in eine Disco setzen, nie wieder mit einer Frau flirten, nie wieder mit Bekanten was trinken gehen – einfach nie wieder ausgehen. Am besten nicht mal mehr aus dem Haus. So gesehen ist es vielleicht ganz gut, dass mich die Medikamente langsam und langweilig und müde machen, dadurch ist die Anzahl der grauenhaften Nächte wenigstens etwas zurückgegangen.
Ich denke ich hab rausgefunden, was die Wurzel all meiner Probleme ist. Ich lerne nicht aus Fehlern. Ich lerne nicht aus Fehlern, und ich weiß nicht, ob das was mit dem Borderlinequatsch zu tun hat, oder einfach nur mit Dummheit; wahrscheinlich auch etwas mit Masochismus. Vielleicht ist das auch eine Art von selbstverletzendem Verhalten und ich bringe mich absichtlich in Situationen, die bewirken, dass ich mich als so allein und einsam und entfremdet und abgestoßen von mir selbst und den Anderen empfinde, dass es sich anfühlt, als wäre flüssiger Stickstoff in meinem Körper, der bei jeder Bewegung hin und her schwappt und langsam mein Herz und mein Gehirn verbrennt, bis ich nur noch eine eiskalte, leere Hülle bin.
Letzte Nacht war ich in einer Disco. Anfangs lief alles gut, aber schon nach einiger Zeit fühlte ich wieder all das oben beschriebene in mir aufsteigen, als hätte ich eine Feder im Magen, die sich langsam meine Speiseröhre hinauf presst, bis mir schlecht wird. Aber ich tue so, als wäre nichts, setze mein Millionärslächeln auf und bewege mich mit meiner lächerlichen Modelfigur, meinem bescheuerten Modelgesicht und meinen albernen Modelklamotten auf die Tanzfläche. Mit zunehmendem Eifer tanze ich epileptisch zu Electro-Musik, die sich nach drei Stunden nicht merklich anders anhört als zu Beginn. Mit größter Verbissenheit versuche ich, in ein Gefühl kollektiver Trance mit der wogenden Menschenmasse auf der Tanzfläche abzurutschen, so wie es das auf Raves geben soll. Für eine Weile glaube ich, dass es klappt, mein Kopf schaltet mal kurz ab, ich schließe die Augen und drifte im Krach. Ich wünsche mir, dass es nie aufhört – Schnipp, ein fatalistischer Gedanke und ich bin wieder nur Ich, an der Grenze zwischen Selbstdarstellung und photosensitivem Anfall, und um mich herum die Anderen. Klappt wohl doch nicht ohne Ecstasy.
Während ich mit meinen Bekannten abseits auf einem der Sofas sitze, die den Chillout-Bereich markieren, und einen Wodka-Red Bull nachschütte, denke ich, dass ich tausend mal lieber hier bin, als zuhause. Wir sind draußen Rauchen und eine Zeitlang denke ich, ja, hier gehöre ich hin. Wir amüsieren uns einfach, fast so wie in den nichtexistenten alten Zeiten.
Kurze Zeit später sitzen meine Bekannten in einem Bus nach Hause. Nächster Fehler: Ich bin geblieben. Vielleicht geht es anderen Leuten so, dass wenn sie an einen schönen Abend oder eine tolle Party zurückdenken, wieder ein bisschen von dem guten Gefühl bekommen, dass sie an dem Abend hatten. Bei mir ist das nicht so. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei, dann bin ich wieder zuhause und da ist alles noch genauso beschissen, als wäre nichts gewesen. Also bleibe ich und versuche verzweifelt, alle guten Gefühle festzuhalten. Ich gehe wieder rein, und nach und nach gleiten sie mir wie Sand durch die Finger. Als dann in der Disco die Lichter angehen, gehen die in meinem Kopf endgültig aus.
Kurz darauf kauere ich auf einer Bank vor dem Eingang der psychiatrischen Ambulanz einer Klinik und überlege, ob ich wirklich reingehen soll. 15 Minuten später sitze ich einer nett aussehenden, jungen Psychiaterin gegenüber. Als sie mich fragte, worum es gehe, musste ich kurz überlegen. Die meisten Leute erwarten immer, dass es einen bestimmten Grund gibt, warum ich dieses oder jenes fühle, und dass ich diesen dann auch noch kenne.
Dann fällt mir ein, dass meine derzeitige Freundin Ende nächster Woche für ein Jahr als Au-Pair ins Ausland geht. Je weiter wir das Thema ausführten, desto klarer wurde mir, wir sehr sich das nach einem Schlag in den Bauch anfühlte. Ich hab mir nur irgendwie die ganze Zeit nicht erlaubt, das als so grauenhaft zu sehen. Wir kennen uns seit drei Monaten, hatten Spaß zusammen; das hat doch nichts bedeutet, oder? Oder? Doch hat es. Mir ist klar geworden, dass ich sie einfach zu Tode vermissen werde. Wenn wir uns küssen bevor sie ins Flugzeug steigt, dann wird das gleichbedeutend mit einem „schönes Leben noch” sein. Was mich besonders fertig macht ist, dass ich glaube, dass sie damit kein Problem hat. Aber das sollte sie auch gar nicht. Sie ist so glücklich, dass das mit der Au-Pair stelle geklappt hat – was soll sie tun? Wegen mir hierbleiben? Nein, das bin ich nicht wert.
