Change your ways while you’re young

13 08 2009

So, bin wieder zurück. Ich hatte nicht vor, so eine lange Auszeit zu nehmen, aber ich hab einfach kein einziges Wort aufs Papier gekriegt. Ich war physisch so fertig und hab die meiste Zeit nur mit rumliegen verbracht. Die Tagesmüdigkeit wird immer mehr zum Problem. Zur Zeit bin ich dabei meine Medikamentendosis zu reduzieren. Vielleicht hilft das.

Die Klausuren warn ne Katastrophe. Drei von sechs hab ich mitgeschrieben und bin durchgefallen, für den Rest hab ich mich schon in weiser Voraussicht krankschreiben lassen. Das ist das gute daran, wenn man offiziell nicht alle Tassen im Schrank hat: man muss nicht lange um ärztliche Atteste betteln. Und damit ist auch klar wie meine Ferien aussehen – ich werde jeden Tag in der Bibliothek verbringen, in dem verzweifelten Versuch die Versäumnisse eines total ruinierten Semesters auszubügeln.

Trotzdem sollte ich mich vielleicht mit dem Gedanken vertraut machen, dass dieses studentische Intermezzo bald ein Ende finden wird. Für die Klausuren, für die ich krank geschrieben war, habe ich zwar noch zwei Versuche, aber wenn ich eine der nicht bestandenen noch mal verhaue, bin ich raus. Wenigstens kann ich dann endlich aus dieser scheiß Stadt verschwinden.

Andrerseits ist die Uni eigentlich alles, was ich habe. Ich meine, ich studiere ein Fach, das ich liebe… wie konnte ich das letzte halbe Jahr nur derart in den Sand setzen? Das werd ich mir nie verzeihen. 

Ich fühle mich so alt und abgenutzt. Es kommt mir vor, als hätte ich eine Hälfte meines Lebens in Bars, Discos und auf Partys verbracht. Und vielleicht hatte ich die letzten Jahre einfach schon mehr Spaß, als mir zusteht. Denn mittlerweile kann ich nicht mal mehr das; dieses einfach raus gehen, Leute treffen, sich kokett und charmant geben… diese Spielchen mitspielen – das fühlt sich alles so leer an. Ich hab das so lange gemacht und gedacht, ja, das ist das Leben. Aber in Wahrheit bedeutet es gar nichts. Was ist mir aus dieser Zeit schon geblieben? Ein Loch im Portmonee, ein abgebrochener Zahn, ein Adressbuch voller Nummern von Leuten, die ich überhaupt nicht kenne und eigentlich auch nie wieder sehen will… einfach nicht viel mehr, als ein riesiger Haufen schlechter Erinnerungen. Dieser Teil meines Lebens ist definitiv vorbei. Ich kann das nicht mehr.

Und wenn der fleißige Teil, der Intelektuelle, mit dem ich meine Eskapaden moralisch ausgeglichen hab, auch noch wegfällt… was bleibt mir dann noch?

Ich will das alles Ändern. Ich will jedes einzelne Detail an der Art, wie die Dinge laufen, ändern. Ich will alles besser machen. Ich will endlich mal was gut machen. Aber vielleicht hatte ich meine Chance schon? Ich hab wirklich Angst vor dem, was kommt. Diesmal komm ich da nicht wieder irgendwie raus. Ich hab den Bogen überspannt. Die Zukunft macht mir verdammt Angst.   





Looks like rain

12 07 2009

Über die letzten Tage hab ich mehrmals versucht einen Eintrag zu verfassen, der alles enthält, was mir im Kopf rumgeht… aber ich habs nicht geschafft. Es sind nur weitere seitenlange Leichen für den Entwurfsordner rausgekommen. Ich bin nicht gut drin Dinge aufzuschreiben, die länger zurückliegen. Wenn das Gefühl der Situation verflogen ist, macht alles keinen Sinn mehr.

Aber ich versuchs jetzt nochmal – einfach ein Abriss der letzten Wochen, dann schaff ich es vielleicht bevor meine Konzentrationsspanne wieder überschritten ist.

Ok, worauf es hinausläuft ist, dass ich einfach nicht auf mich aufpassen kann. Ich esse nicht, vor allem aus Zeitmangel… ich vergesse es, die Mensa schließt um 14 Uhr, ich will noch dies und das erledigen… dann ist eine Woche vergangen und alles was ich runter gekriegt hab, warn ein paar Schüsseln Cornflakes am Morgen. Ich lebe also die meiste Zeit von Kaffee, Zigaretten und Pillen.

Ich schlafe nicht. Vor allem aus Zeitmangel. Da ist noch dieses Übungslatt, am Freitag soll ich ne Klausur über ne Vorlesung schreiben in der ich das ganze Semester vielleicht drei mal war. Dann ist es vier Uhr und ich habe keine Lust mehr ins Bett zu gehen, nur um dann zu verschlafen.

Die Abende hier sind die Hölle. Ich ertrage die Einsamkeit nicht, die Musik die hier ununterbrochen läuft, um die Stille zu vertreiben kratzt mich noch mehr auf – oft geh ich noch raus, wandere durch die Straßen, nur um zu sehen, dass diese beschissene Stadt leergefegt ist, als wär ich der einzige Mensch auf der Welt. Ich hab die letzten zwei Wochen kaum eine Nacht überstanden ohne die eine oder andere Droge zu konsumieren, entweder die, die man in der Apotheke kriegt, oder die, die man anderswo besorgt.

Ich schlucke weit mehr Beruhigungsmittel als ich sollte. Einfach damit das Zittern in meinen Händen aufhört und der Vortex der Gedanken in meinem Kopf still ist.

Ich schneide mich wieder. Es fühlt sich so gut an, wie eh und je. Da ist noch so viel Platz auf meinen Oberschenkeln. Warum sollte ich den nicht nutzen? Whatever gets you through the day, right?

Oft starre ich mich Spiegel an und suche nach einer Antwort in diesen Augen, einen Hinweis darauf, wann und warum genau ich vom Weg abgekommen bin, nach dem es mir monatelang so gut ging. Aber dieses hübsche Gesicht starrt nur fragend zurück. Warum ruinierst du dein Leben? Warum jetzt?

Ich bin jetzt Anfang zwanzig. Es heißt, dass viele, die so sind wie ich, in dieser Zeit ein morbides Crescendo erleben, und auf eine kosmische Katastrophe zusteuern, die die Grundfeste ihrer Realität erschüttert… und genau so fühlt es sich an. Wie lang kann ich noch so weitermachen? Es heißt, dass es besser wird, wenn man bis 40 überlebt.

Also trinken wir auf die nächsten zwanzig Jahre. Und hoffen weiterhin, dass es doch nur ein Alptraum ist, aus dem ich noch aufwache.

Mein Psychiater glaubt daran offenbar nicht mehr. Er hat die Abteilung gewechselt. Ich bin nicht so eingebildet zu glauben, dass er das getan hat, um mich loszuwerden, aber das ist sicher ein angenehmer Nebeneffekt für ihn. Jetzt hab ich in zwei Monaten einen Termin bei einer neuen. Halleluja.

Ich hasse diesen Eintrag, aber ich muss das alles einfach irgendwie ausdrücken. Und wenn ich den jetzt wieder nicht veröffentliche wird es gar nichts mehr.





Stress

19 01 2009

Ich bin im Moment wirklich total im Stress. Das Semester neigt sich dem Ende zu und somit stehen auch massenhaft Prüfungen bevor. Es wird wohl niemanden überraschen, wenn ich sage, dass ich nicht mitgelernt habe, so wie ich es mir vorgenommen hatte. Das heißt ich bin grade dabei mehrere Monate Physik, Mathe und zwei andere Kurse aufzuholen. Glücklicherweise komme ich dabei ganz gut voran, was ich vor allem der Energie zuschreibe, die mir das neue Medikament bringt. Ich habe seit Anfang Dezember keinen Strich mehr gemacht, aber seit letzter Woche kann ich mich erstmals wieder wirklich konzentrieren. Auch sonst geht es mir in jeder Hinsicht schon viel besser. Ich möchte fast sagen, Tranylcypromin bringt nach zwei Wochen schon mehr als alle SSRIs innerhalb von Monaten. Ich will nicht übermäßig Enthusiastisch wirken, aber an diesem Zeug ist auf jeden Fall etwas dran. Auch die Diätrichtlinien, die ich einhalten muss, machen mir überhaupt keine Probleme. Die Unannehmlichkeiten, die MAOIs bereiten, werden absolut überschätzt. Ich finde es schrecklich, dass meine Psychiaterin mir dieses Medikament vorenthalten wollte.

Jetzt muss ich nur noch einen Therapieplatz finden. Ich hab mir von der Koordinationsstelle zwei Nummern geben lassen. Bei der einen wurde mir gesagt, sie wären auf längere Zeit ausgebucht (warum zur Hölle haben sie dann frei Plätze gemeldet??), die anderen haben sich gar nicht mehr gemeldet. Aber was solls, ich habe nicht das Gefühl, dass ich zur Zeit so dringend Hilfe brauche. Zumindest nicht heute Abend. Ich weiß natürlich nicht, wie es morgen aussieht, aber soweit vorauszuplanen ist auch viel verlangt.





New Year’s gonna be grand

13 01 2009

Frohes neues Jahr euch allen!

Ich hoffe ihr seit nicht sauer, weil ich so lange verschwunden war und mit dem letzten Post auch noch so einen betrunken dramatischen Abgang gemacht habe. Ich habe mich die letzten Wochen einfach zuhause eingeschlossen, bin nicht ans Telefon gegangen und habe keine Mails beantwortet. Aber ich wette, ihr hattet auch ohne mein Psychogebrabbel eine schöne Weihnachtszeit.

Mir geht es grade auch relativ gut. Ich bin auch noch nicht ganz verloren. Ich habe gesagt wir wären „at wit’s end”, aber das hat sich eher auf Fachkenntnisse meiner Psychiaterin bezogen. Glücklicherweise habe ich es geschafft, mir selbst zu einem Rezept für einen Monoaminoxidase Hemmer zu verhelfen, einer Klasse von Medikamenten, die ich noch gar nicht ausprobiert habe. Die meisten Ärzte haben Angst es damit zu versuchen. Aber wer braucht die schon?

Ich hab mir auch vorgenommen, es nochmal mit Verhaltenstherapie zu versuchen. Ich hab schon zwei Adressen. Muss nur noch auf den Anrufbeantworter sprechen. Das Schicksal scheint es zu wollen, dass ich diesmal (zum ersten Mal) bei einem männlichen Therapeuten lande. Ist vielleicht ganz gut. Ohne chauvinistisch klingen zu wollen, aber die meisten Frauen scheinen mich sowieso nicht ernst nehmen zu können.

Wow, diesmal war ich mit dem Problem konfrontiert, etwas zu schreiben, das wirklich Informationen enthält. Wie hab ich mich angestellt?

Wenn es da draußen noch irgendjemanden gibt, der diesen Blog liest, und mich noch nicht hasst, weil ich es immer noch nicht geschafft habe seine/ihre E-Mails zu beantworten, dann lasst mich wissen, wie eure Feiertage waren und wie es euch geht. Ich möchte es wirklich wissen. Und ich mache mich jetzt wirklich an eure Mails. Versprochen!





So here we are… at wit’s end

8 12 2008

Als Antwort auf den Kommentar von Neontrauma, einer wirklich tollen Bloggerin, zu „Venlafaxine withdrawal“:

Alles Gute für das Ausschleichen.
Nimmst du stattdessen jetzt ein anderes Medikament?

Nein, tue ich nicht. Heute habe ich meine Psychiaterin gesehen. Sie hat mehr oder weniger zugegeben, dass sie nicht mehr weiter weiß, was meine Behandlung angeht. Einerseits traut sie sich nicht Monoaminoxidasehemmer mit mir auszuprobieren, andererseits fällt ihr auch nichts anderes mehr ein. Das heißt ich bin jetzt wohl offiziell ein hoffnungsloser Fall. Scheiße. Ich bin grade wirklich absolut und irreversibel am Ende. Ich weiß nicht mehr was ich machen soll.

Suicide leaps to mind. But I know that there’s no sense in that.

Grade habe ich mich nach etwa einem Jahr zum ersten Mal wieder geschnitten. Und ich frage mich warum ich je aufgehört habe. Es fühlt sich so verdammt gut an. Ich habe nur die ganze Zeit das Gefühl, dass ich noch nicht tief genug geschnitten habe.







Venlafaxine withdrawal

2 12 2008

Ich bin auf Entzug. Und ich meine jetzt nicht den üblichen Liebesentzug. Ich bin auf Entzug von meinem derzeitigen Antidepressivum, Trevilor. Man sieht meinen letzten Posts irgendwie an, dass ich in letzter Zeit ziemlich neben der Spur gewesen bin. Aber das spiegelt das volle Ausmaß der Abgehobenheit nur teilweise wieder. Der Konsens zwischen mir und meinen Ärzten besteht darin, dass Trevilor meiner geistigen Verfassung nicht zuträglich ist.

Leider ist Trevilor auch sowas wie das Heroin unter den Antidepressiva. Manche Leute müssen die Retardkapseln aufmachen, die kleinen Kügelchen darin zählen und dann Kügelchen für Kügelchen, Tag für Tag die Dosis reduzieren, um es auszuhalten. Zum Glück nehme ich das Zeug noch nicht so lange und deshalb hoffe ich, dass es reicht, wenn ich in viertägigem Abstand jeweils um die Hälfte reduziere. Seit vier Tagen bin ich auf 112,5 mg (in etwa, ich halbiere die Menge der Kügelchen nach Augenmaß). Ich dachte die ganze Zeit, hey, das ist gar nicht so schlimm. Aber heute muss mein Spiegel irgendwie abgesackt sein. Mir war den ganzen Tag schlecht. Morgen soll ich auf dann auf 75 mg gehen, sodass ich nach dem Plan bis nächsten Mittwoch „clean” bin. Das wird ne lustige Woche…

Ich kann mich nicht wirklich konzentrieren, also wundert euch nicht wenn mein schreiberischer Output mal wieder etwas zurückgeht.





Dieser Post ist überladen

27 11 2008

Wow, mir ist grade aufgefallen, dass ich erledigt wäre, wenn ich jetzt einen Herzinfarkt hätte. Niemand würde mich finden. Seit drei Tagen habe ich kein Wort mehr mit meinen Mitbewohnern gesprochen, abgesehen von „Hallo” und „Tschüss”, nur um zu sehen, was sie tun, ob es ihnen überhaut auffällt. Ist es nicht. Sie haben einfach zurückgeschwiegen. Was bedeute ich meinen Mitbewohnern? Zwei Worte? Denken sie grade, „endlich hat der Typ aufgehört so viel zu labern”? Was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Ich werde Wahnsinnig. Nein ehrlich, ich verliere hier den Verstand. Ich hab sie nicht mehr alle, die Tassen sind raus aus dem Schrank und zerbrochen.

AHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH! Was würde jetzt meine ehemalige Therapeutin sagen? „Sie sollten versuchen, ihre Wahrnehmung mit der Realität abzugleichen.”

Mal überlegen:

Kopf sagt: ………………………………………………… (Kopf sagt nichts, weil er mit einer Zwangsjacke auf einem Bett fixiert ist und gerade eine Haloperidol Infusion bekommt.)

Realität sagt: „Hmmm, lass und die Fakten überprüfen….du schläfst nicht mehr als vier Stunden pro Nacht, du bist total überspannt, deine Hände zittern, du kannst dich nicht konzentrieren, du würdest dich am liebsten selbst KO schlagen um mal wieder etwas Ruhe zu bekommen, etc.”

Verdammt, verdammt, verdammt… ich weiß wirklich nicht was los ist. Aber seit einer Woche kriege ich einfach nichts mehr hin. Ich habe Angst und ich kann nicht sagen wovor, am liebsten würde ich nur im Bett liegen und mich keinen Millimeter bewegen, die Augen auf einen Punkt an der Decke fixiert, den ganzen Tag. Ich würde so so gerne meine Psychiaterin sehen. Aber sie hat erst in elf Tagen Zeit für mich. Andererseits wenn ich sie sehe, dann möchte ich eigentlich nur dasitzen, und ihr in die Augen sehen, weil ich weiß, dass die Worte aus ihrem hübschen Mund nichts ändern werden.

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Wenn jetzt überhaupt noch jemand da ist, dann habe ich eine Frage: Es lesen doch bestimmt ein,zwei betroffene diesen Blog (zumindest wünsche ich mir das):

Wie habt ihr es geschafft weiterzumachen, als euch die brutale Wahrheit klar, nicht nur bekannt sondern wirklich klar, geworden ist, dass es für den Rest eures Lebens so weitergehen wird? Dass Persönlichkeitsstörungen chronische Zustände sind?

(Ok, es heißt die Symptome der Borderline Persönlichkeitsstörung erfahren ab dem 40 Lebensjahr meist von selbst eine Besserung, aber soweit muss man erst mal kommen.)

Am Ende bin ich eigentlich nicht mehr, als eine Karikatur. So wie eine Karikatur eine Sammlung eigenartiger Merkmalen ist, so bin ich eine Sammlung eigenartiger Symptome…nicht mehr. (D.h. ich sehe mich wahrscheinlich so, wie Ärzte normalerweise ihre Mitmenschen). Vielleicht hat es mal eine Zeit gegeben, in der es noch korrekt gewesen wäre, mich selbst von meinen krankhaften Anteilen zu separieren. Aber mittlerweile sind wir ein und dasselbe. Ich habe so viele Sachen erlebt, von denen ich glaube, sie wären nie passiert, wenn ich der Mensch wäre, der ich sein will. Im Guten, wie im Schlechten.

Help.





The father of all bombs

19 11 2008

Angenommen, man steht auf eine Frau. Zuerst denkt man sich sowas wie, wow, die ist wirklich hübsch. Man sieht sie nur kurz jeden Tag, vielleicht in der Uni. Dann redet man mit ihr, steht ein paar mal beim Rauchen nebeneinander und unterhält sich einfach. Bald ist es soweit, dass man glaubt, sie hätte eine spezielle Art einen anzulächeln. Dann sieht man ihr in die Augen und sucht darin nach irgendeinem Hinweis, einem winzigen Funkeln, das sagt „versuch doch mal noch einen Schritt näher zu kommen, wer weiß was passiert?” Kurz darauf wird man im Ton immer koketter, lässt einfach so die ein oder andere Bemerkung fallen, flirtet auf die subtilste mögliche Art, um sich nicht zu weit vorzuwagen. Langsam aber sicher, besteht wohl wirklich kein Zweifel mehr daran, dass sie mitspielt, und dass sie ganz bestimmt keinen Freund hat. Wenig später beginnt man, sich vorzustellen wie es wäre, mit ihr auszugehen, sie vielleicht um ein Date zu bitten. Man denkt daran, wie großartig es werden könnte.

Genau dann, genau in diesem Moment als man noch dieser Vorstellung nachhängt, hört man sie zufällig im Gespräch mit jemand anderem sagen: „Ich hab meinem Freund versprochen…..”

Der Rest wurde von der Implosion meiner Träume übertönt. Eine thermobare Vakuumbombe ist nichts dagegen.

Ich war eine Weile weg, mir gings eine Weile nicht so gut… aber ich hab neue Medikamente! Wie es aussieht habe ich meine Psychiaterin lange genug bequatscht, dass ich wegen der Tagesmüdigkeit, die meine Alten hervorgerufen haben zuweilen kurze Blackouts in Vorlesungen habe, und so darf ich meine Gebete zukünftig an meinen neuen Erlöser, Venlafaxin, auch genannt Trevilor, richten.

Trevilor wird nicht mehr als „First Line Treatment” angesehen, da es bei manchen Leuten ein derart starkes Entzugssyndrom hervorruft, dass sie nie wieder damit aufhören können. Aber worum sollte ich es auch absetzen wollen, ich meine, Persönlichkeitsstörungen sind schließlich chronische Zustände.

Was meine Wohnsituation angeht, ich sitze immer noch hier in dieser WG fest. Glücklicherweise konnte ich meinen Vermieter überzeugen, den Vertrag so zu ändern, dass ich ausziehen darf, wenn ich einen Nachmieter finde. Zu wissen, dass ich ausziehen kann, wenn ich will, bedeutet mir schon sehr viel. Leider habe ich zur Zeit auch immer noch nichts besseres im Auge.

Eigentlich wollte ich mehr schreiben. Ich habe auch vor, wieder mehr zu schreiben, aber bis dahin ist es wenigstens mal ein Lebenszeichen.

Gute Nacht.





Failed at failing

8 10 2008

Oft fragen mich weißbekittelte Intelligenzbestien in den verschiedenen Arzt- und Therapeutenpraxen, die ich frequentiere, wie es mir denn ginge. Dabei wundere ich mich immer, ob die Frage jetzt rhetorisch gemeint ist, so wie wenn einen Finanzberater oder Freunde fragen wie es einem geht und als Antwort ein einfaches “Gut” erwarten.
Um meinem Gegenüber nicht das Gefühl zu geben, ich sei katatonisch oder debil, weil ich nicht antworte, und mal wieder reif für einen Aufenthalt in der Anstalt, sage ich dann meistens “Gut”. Wenn mir danach ist, lege ich manchmal noch etwas mehr Nachdruck hinein, indem ich meiner Psychiaterin um den Hals falle und ihr sage, wie schön es ist sie zu sehen. Wenn dann draußen noch nicht die Männer mit den Zwangsjacken vorfahren, dann ist es wohl ein guter Tag.

Morgen sehe ich meine Psychiaterin, und mal wieder habe ich mir vorgenommen, nicht “Gut” zu sagen. Denn leider sind die letzten paar Tage ein kleines bisschen schief gegangen. Das Beste war eigentlich, dass ich es geschafft habe, einen meiner Mitbewohner nach nur wenigen Wochen dazu zu bringen, etwa folgendes zu sagen: “Ich bin wahnsinnig sauer auf dich! Ich verstehe nicht, wie man dermaßen selbstverliebt und weinerlich sein kann?! Die Leute um dich herum haben ihre eigenen Probleme und können sich nicht ständig um dich kümmern!!”
Verdammt. Dabei wollte ich doch dafür sorgen, dass das zusammenleben in meinem neuen Zuhause harmonischer wird, als in meinem alten. Andererseits glaube ich, dass diese WG sowieso nicht das richtige für mich ist. Meine Mitbewohner sind so zurückgezogen und einsilbig, da hätte ich gleich in eine Ein-Zimmer-Wohnung ziehen können. Ich hab mich schon lange nicht mehr so einsam gefühlt. Jetzt will unser Vermieter mich auch noch zwingen, einer Befristung meines Mietvertrags auf ein Jahr verbindlich zuzustimmen. In einem Jahr könnte ich endgültig den Verstand verlieren. Andernfalls wird er mich jedoch rauswerfen. Und dann? Ich will auf keinen Fall wieder zuhause einziehen. Ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt machen soll. Ich will unbedingt aus dieser Wohnung raus, aber wohin? Ich war schon nahe am Nervenzusammenbruch, als ich diese Wohnung gefunden habe. Nur jetzt, wo das Semester grade begonnen hat, ist die Angebotslage noch schlechter. Ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt machen soll.





Mein neues Leben

23 08 2008

Heute geht es mir absolut beschissen. Letzte Nacht war wieder eine dieser Nächte, nach denen ich mir immer denke, ich werde nie wieder einen Fus in eine Disco setzen, nie wieder mit einer Frau flirten, nie wieder mit Bekanten was trinken gehen – einfach nie wieder ausgehen. Am besten nicht mal mehr aus dem Haus. So gesehen ist es vielleicht ganz gut, dass mich die Medikamente langsam und langweilig und müde machen, dadurch ist die Anzahl der grauenhaften Nächte wenigstens etwas zurückgegangen.

Ich denke ich hab rausgefunden, was die Wurzel all meiner Probleme ist. Ich lerne nicht aus Fehlern. Ich lerne nicht aus Fehlern, und ich weiß nicht, ob das was mit dem Borderlinequatsch zu tun hat, oder einfach nur mit Dummheit; wahrscheinlich auch etwas mit Masochismus. Vielleicht ist das auch eine Art von selbstverletzendem Verhalten und ich bringe mich absichtlich in Situationen, die bewirken, dass ich mich als so allein und einsam und entfremdet und abgestoßen von mir selbst und den Anderen empfinde, dass es sich anfühlt, als wäre flüssiger Stickstoff in meinem Körper, der bei jeder Bewegung hin und her schwappt und langsam mein Herz und mein Gehirn verbrennt, bis ich nur noch eine eiskalte, leere Hülle bin.

Letzte Nacht war ich in einer Disco. Anfangs lief alles gut, aber schon nach einiger Zeit fühlte ich wieder all das oben beschriebene in mir aufsteigen, als hätte ich eine Feder im Magen, die sich langsam meine Speiseröhre hinauf presst, bis mir schlecht wird. Aber ich tue so, als wäre nichts, setze mein Millionärslächeln auf und bewege mich mit meiner lächerlichen Modelfigur, meinem bescheuerten Modelgesicht und meinen albernen Modelklamotten auf die Tanzfläche. Mit zunehmendem Eifer tanze ich epileptisch zu Electro-Musik, die sich nach drei Stunden nicht merklich anders anhört als zu Beginn. Mit größter Verbissenheit versuche ich, in ein Gefühl kollektiver Trance mit der wogenden Menschenmasse auf der Tanzfläche abzurutschen, so wie es das auf Raves geben soll. Für eine Weile glaube ich, dass es klappt, mein Kopf schaltet mal kurz ab, ich schließe die Augen und drifte im Krach. Ich wünsche mir, dass es nie aufhört – Schnipp, ein fatalistischer Gedanke und ich bin wieder nur Ich, an der Grenze zwischen Selbstdarstellung und photosensitivem Anfall, und um mich herum die Anderen. Klappt wohl doch nicht ohne Ecstasy.

Während ich mit meinen Bekannten abseits auf einem der Sofas sitze, die den Chillout-Bereich markieren, und einen Wodka-Red Bull nachschütte, denke ich, dass ich tausend mal lieber hier bin, als zuhause. Wir sind draußen Rauchen und eine Zeitlang denke ich, ja, hier gehöre ich hin. Wir amüsieren uns einfach, fast so wie in den nichtexistenten alten Zeiten.

Kurze Zeit später sitzen meine Bekannten in einem Bus nach Hause. Nächster Fehler: Ich bin geblieben. Vielleicht geht es anderen Leuten so, dass wenn sie an einen schönen Abend oder eine tolle Party zurückdenken, wieder ein bisschen von dem guten Gefühl bekommen, dass sie an dem Abend hatten. Bei mir ist das nicht so. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei, dann bin ich wieder zuhause und da ist alles noch genauso beschissen, als wäre nichts gewesen. Also bleibe ich und versuche verzweifelt, alle guten Gefühle festzuhalten. Ich gehe wieder rein, und nach und nach gleiten sie mir wie Sand durch die Finger. Als dann in der Disco die Lichter angehen, gehen die in meinem Kopf endgültig aus.

Kurz darauf kauere ich auf einer Bank vor dem Eingang der psychiatrischen Ambulanz einer Klinik und überlege, ob ich wirklich reingehen soll. 15 Minuten später sitze ich einer nett aussehenden, jungen Psychiaterin gegenüber. Als sie mich fragte, worum es gehe, musste ich kurz überlegen. Die meisten Leute erwarten immer, dass es einen bestimmten Grund gibt, warum ich dieses oder jenes fühle, und dass ich diesen dann auch noch kenne.

Dann fällt mir ein, dass meine derzeitige Freundin Ende nächster Woche für ein Jahr als Au-Pair ins Ausland geht. Je weiter wir das Thema ausführten, desto klarer wurde mir, wir sehr sich das nach einem Schlag in den Bauch anfühlte. Ich hab mir nur irgendwie die ganze Zeit nicht erlaubt, das als so grauenhaft zu sehen. Wir kennen uns seit drei Monaten, hatten Spaß zusammen; das hat doch nichts bedeutet, oder? Oder? Doch hat es. Mir ist klar geworden, dass ich sie einfach zu Tode vermissen werde. Wenn wir uns küssen bevor sie ins Flugzeug steigt, dann wird das gleichbedeutend mit einem „schönes Leben noch” sein.  Was mich besonders fertig macht ist, dass ich glaube, dass sie damit kein Problem hat. Aber das sollte sie auch gar nicht. Sie ist so glücklich, dass das mit der Au-Pair stelle geklappt hat – was soll sie tun? Wegen mir hierbleiben? Nein, das bin ich nicht wert.








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